Konflikte managen
“Konfliktpsychologie” war eine der besten Lehrveranstaltungen, an denen ich teilnahm. Wir lernten eine Vorgehensweise, wie man Konflikte versteht, durchdenkt, und so vielversprechend löst. Dieses Rezept versprach ich einem Freund zu mailen und poste es anbei hier – vielleicht nützt es jemand.
Reflexe erkennen
Man gerät in einen Konflikt und handelt reflexartig. Diesen Reflex muss man erkennen und unterdrücken. Folgendermaßen kann eine solche Handlung aussehen:
- man behauptet “es gibt keinen Konflikt” und flieht oder verdrängt diesen
- man fragt “wer ist schuld” und urteilt schnell und subjektiv
- man resigniert mit dem Satz “das war schon immer so”
- man tut schnell etwas (anderes) und bildet sich ein, “das ist eine Lösung”
Kann man diese Reflexe ausschalten, ist der zweite Schritt möglich, die Konfliktanalyse.
Konfliktanalyse
Jetzt spricht man mit seinem Gegenüber über den Konflikt. Die eigene Meinung stellt man zurück und versucht die Sichtweise des anderen zu verstehen. Hier spielen öffnende Fragen eine wichtige Rolle. Der Andere handelt ja so, weil er sein Handeln für richtig hält. Nach einer gewissen Zeit beginnt man sich mit seinen Fragen im Kreis zu drehen; nun ist das gegenseitige Fragen beendet. Erst jetzt kann man sich unterhalten ob es bei diesem Konflikt ein “Falsch” und “Richtig” gibt; oder, ob “BEIDE” Sichtweisen berechtigt sind. Hier liegt oft der Hund begraben – man sucht nach einem Falsch/Richtig, obwohl beide Sichtweisen berechtigt sind. Nach der Analyse entscheidet man, um welchen Konflikt es sich handelt und denkt mögliche Lösungen durch.
Konfliktlösung
Es gibt sechs Lösungsalternativen. Die ersten vier bieten sich für ‘Falsch/Richtig’-Konflikte an, die letzten drei für Konflikte bei denen beide Sichtweisen berechtigt sind.
- Flucht
Der Konflikt ist zu heikel, um ihn anzugehen. Diese Flucht unterscheidet sich von der reflexartigen Flucht – du hast dich bewusst entschieden.
Vorteil: schnell, kraftsparend
Nachteil: kann immer wieder auftauchen
- Kampf mit dem Ziel Vernichtung
Die Meinug des anderen muss ausradiert werden, oft bedeutet dies das Ende des Partners.
Vorteil: endgültige Lösung
Nachteil: aufwändig, unkorrigierbar
- Kampf mit dem Ziel Unterwerfung
Die Meinung des Partners bleibt bestehen, aber er ordnet sich unter.
Vorteil: Umkehrbarkeit,Überleben
Nachteil: Umkehrbarkeit, Gefahr eines Aufstands
- Delegation
Man einigt sich auf eine Person, die eine Entscheidung trifft. Dies passt bei beiden Konfliktarten.
Vorteil: neutrale Instanz entscheidet, Bewahrung des Gesichts
Nachteil: man löst den Konflikt nicht selbst
- Kompromiss
Jeder macht Abstriche und beide sind mit der Lösung halb zufrieden.
Vorteil: Teilzufriedenheit
Nachteil: Teilzufriedenheit
- Konsens
Es entsteht eine Win-Win-Situation; Gutes wird bewahrt, Schlechtes beseitigt und so der Konflikt in seiner Gesamtheit aufgehoben.
Vorteil: Zufriedenheit
Nachteil: langwierig
Anmerkungen
Das Rezept scheint sehr einfach; dabei kann allerdings viel falsch laufen – ist ein Kommunikationsproblem die Konfliktursache, gelingt das Analysegespräch vielleicht nicht.
Wird mit diesem Rezept der Konflikt befriedigend gelöst, ist es gut; klappt dies nicht, muss man nachforschen und ausfindig machen, an was es lag. Die Beschäftigung mit Konflikten ist mühsam, birgt aber ein enormes Wachstumspotential, da man erfährt, was man selbst am Konflikt beigetragen hat.
Weiterführende Links:
Skript zum Thema Konfliktmanagement
(Diese Vorlesung hörte ich nicht, aber einige Inhalte sind gleich/ähnlich)
Sascha – #
Comment – 26. April 2007 – 16:36
Ist es nicht so, dass dieses Rezept sogar zu einfach ist, wenn man sich zum ersten mal mit Kommunikation beschäftigt?
Aus welchem Grund sollte ich als Mittel Kampf einsetzen? Es ist gut, diesen Mechanismus bei anderen zu erkennen, aber sollte man ansonsten Konsens aussein? Übrigens kann dieser auch zur Folge habe, dass beide Parteien nun zwei Sichtweisen auf die gleiche Sache haben.
Wozu ist eine Bewertung der Vor- und Nachteile wichtig? Ist z.B. beim Konsens die Langwierigkeit ein Nachteil? Beide Seiten gewinnen neue Einsichten, wieso sollte dabei die Zeit so entscheidend sein?
Wenn es wirklich so wichtig wäre, Zeit einzusparen, müsste man darüber nachdenken, ob man seine Kommunikationsfähigkeiten nicht noch verbessern sollte.
Jochen – #
Comment – 26. April 2007 – 17:00
Servus Sascha,
> Ist es nicht so, dass dieses Rezept sogar zu einfach ist, wenn man sich zum ersten mal mit Kommunikation beschäftigt?
Das Rezept hat meines Erachtens erstmal nichts mit Kommunikation sondern mit Konflikten zu tun. Man spricht in der Konfliktanalyse natürlich miteinander und da spielt die Art und Weise, wie miteinandergesprochen wird, eine große Rolle.
> Aus welchem Grund sollte ich als Mittel Kampf einsetzen?
Wenn es bei einem Konflikt nur ein Falsch und ein Richtig gibt, gibt es wahrscheinlich keinen Konsens und die Meinung des Anderen darf nicht bestehen bleiben.
Ein Beispiel wäre sich über das Ergebnis der Aufgabe 2+2 zu streiten.
Es ist 4 auch wenn dein Gegenüber behauptet es sei 5. Da darf man sich dann auch nicht bei 4,5 oder 4,1 treffen – es ist 4.
> Wozu ist eine Bewertung der Vor- und Nachteile wichtig? Ist z.B. beim Konsens die Langwierigkeit ein Nachteil? Beide Seiten gewinnen neue Einsichten, wieso sollte dabei die Zeit so entscheidend sein?
Die Zeit ist dann entscheidend, wenn man sie nicht investieren will.
Sagt mir der Zeitungsverkäufer, dass meine Frisur komplett fürn Hintern ist, dann will ich diesen Konflikt gar nicht bearbeiten und Stunden investieren.
> Wenn es wirklich so wichtig wäre, Zeit einzusparen, müsste man darüber nachdenken, ob man seine Kommunikationsfähigkeiten nicht noch verbessern sollte.
Ich denke man sollte immer versuchen seine Kommunikationsfähigkeiten zu verbessern. Viele Konflikte entstehen daraus, dass die Absicht des Sprechers eine völlig andere Wirkung beim Empfänger hat – gelingt einem also immer die gewünschte Wirkung zu erzielen, spart man viel Zeit und Energie.
So sehe ichs.
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